Diskussion

Will uns die Pandemie etwas lehren? Ist die Pandemie der gnädige Fingerzeig eines allumfassenden Gottes?

Der grösste Erfolg des Menschen gegen tödliche Viren war die Ausrottung der Pocken. In der heutigen Pandemie hoffen wir übermütig, dass uns mit einer Impfung und Containment dereinst gelingt, alle tödlichen β-Coronaviren zu vernichten.

Die Eradikation der Pockenviren sollte uns auch die Rückseite des Spiegels betrachten lassen. Eine Spezies kann eine andere Spezies ausrotten. SARS-CoV-1 bedeutete für 5 bis 10 Prozent der Angesteckten den Tod. MERS-CoV war fast so tödlich wie die Pocken. Und die Pocken töteten 30 Prozent der infizierten Menschen. SARS-CoV-2 könnte der glimpfliche Fingerzeig eines gnädigen Gottes sein. Die Sterblichkeit ist eher kleiner als 1 Prozent. Sogar wenn der Menschheit das grosse Sterben durch Covid-19 noch bevorstehen kann, ist SARS-CoV-2 nicht das schlimmstmögliche Pandemie-Szenario. Gefährlichere Pandemien sind nicht nur denkbar, sondern stehen mit einiger Wahrscheinlichkeit in unserer Lebenszeit noch bevor. Im nächsten Jahr, im kommenden Jahrzehnt? Influenza-Mutanten, β-Coronaviren oder Nipah-Verwandte?

Wollen wir Kinder Israels angesichts des bisher gnädig strafenden Gottes nicht zu Vernunft kommen?

Weltweit hat die Pandemievorsorge versagt. Die Analyse der Notwendigkeiten sollte nicht nur die Spezialisten beschäftigen. Die Öffentlichkeit sollte sich nicht ersatzweise mit Petitessen, wie Masken-Ja-oder-Nein zerstreiten. Massentourismus und Personenflugverkehr bilden die Voraussetzungen für jede zukünftige Pandemie. Fernreise- und Flugverkehr müssen als Pandemie-Verursacher in die Kostenpflicht genommen werden. Wir brauchen eine weltweite Pandemie-Vorsorgesteuer und wir müssen die globale Wirtschaft dieser Bedrohung langfristig und grundlegend anpassen. Der Personen-Fernverkehr muss entweder drastisch verkleinert bleiben oder innert wenigen Tagen weltweit heruntergefahren werden können. So wie früher geht nicht!

Schaffen wir das?

Für die Pandemievorsorge ist nicht nur der Personenfernverkehr wichtig. Vieles wird medial als angeblich wichtig hochgespielt. Tiermärkte haben bei den beta-Coronaviren SARS-CoV 1 & 2 eine initiale Rolle gespielt. Der infektiöse Sprung von tierischen Viren auf den Menschen hat in den vergangenen 2 Jahrzehnten mehrfach und auf verschiedenen Wegen stattgefunden. Labors als Quelle des Erregers sind unwahrscheinlich.

Der für jede zukünftige Pandemie wichtigste, eigentlich beeinflussbare Faktor ist der Personenfernverkehr!

Unsere Flugzeuge sind jetzt in der jordanischen Wüste parkiert. Darf mich das hoffnungsfroh stimmen? Enzo Anaconda sagte gestern (SF-DRS, Sternstunde Philosophie 3.5.20): «Ich möchte nicht den Löffel abgeben ohne Hoffnung für die Menschheit!»

Lohnt es noch zu leben, wenn man alt ist und das Leben schon fast vorbei? Die Frage muss fast jeder einst selbst beantworten, aber beschäftigt heute in Corona-Zeiten auch junge Menschen. Wie wertvoll sind die letzten Jahre, Monate oder Tage? Wenn die Frage utilitaristisch in Franken, Rappen und Qualy (Quality Adjusted Life Years) beantwortet wird, kann die Freiheit verloren gehen, dass jeder die Frage dereinst noch für sich selbst beantworten darf…

Auch alte Menschen sterben an SARS-CoV-2-Infektionen nur, wenn Vorerkrankungen vorhanden sind. Die Leute wären also auch ohne Covid-19 gestorben, ist die verkürzte Schlussfolgerung, eine Schlussfolgerung, welche der letzten Zeit eines individuellen Lebens keinen Wert beimisst.

Alte, an Covid-19 verstorbene Menschen wären ohne Covid-19 später, nach Monaten oder Jahren gestorben. Die Covid-19-Pandemie verschärft die Frage des Zeitpunktes unserer Sterblichkeit, welche durch die Errungenschaften der Medizin schon lange gestellt werden. Es gibt im Alter immer eine Vielzahl an Gründen, welche letztlich den Tod herbeiführen.

Im Schweizerischen Sterberegister werden immer neben einer unmittelbaren Todesursache als Hauptdiagnose zwei Nebendiagnosen erfasst. Die offizielle statistische Erfassung der Todesursachen ist in verschiedenen Ländern unterschiedlich: Werden nur Hauptdiagnosen erfasst? Sind alle Daten schon gemeldet worden? Amtliche Statistiken, wissenschaftliche Untersuchungen beziehen oft unterschiedliche Datenquellen mit ein. Nehmen wir ein Beispiel aus einem anderen Feld, einer anderen Epidemie und einer anderen Zeit. 1994 meldete die Polizeistatistik 396 Todesfälle als Drogentote. Atemstillstand wegen Heroinüberdosis verursachte nur ein kleineren Teil der Drogentoten: 1994 starben in der Schweiz nämlich 1'000 Menschen an den Folgen des Drogenkonsums; die übrigen 600 Todesfälle waren durch Aids, Hepatitis, eitrige Infektionen und zu einem ganz kleinen Teil durch Unfälle und Gewalt unter Drogen verursacht. Sterbedaten müssen sehr sorgfältig interpretiert werden.

Die beste Möglichkeit zum Abschätzen der Covid-19-bedingten Todesfälle ergeben Vergleiche mit früher auch schon auf die selbe Art und Weise erhobenen Sterbestatistiken (www.euromomo.eu).

Eine Münze werfen oder den nassen Finger in den Wind zu halten, gibt dieselbe Sicherheit wie ein Covid-Schnelltest!

Wenn der angeblich sichere Test mich positiv testet, weiss ich nicht mehr als ohne Test. Mit einem positiven Testresultat bin ich ebenso wahrscheinlich falsch positiv getestet worden, wie dass ich wirklich eine Covid-19 durchgemacht habe. 5 Prozent werden falsch positiv getestet, und 5 Prozent werden zu Recht positiv, weil sie infiziert waren.

Wünsche und Ängste treiben uns alle. Der Verstand sollte uns vor Schaden bewahren. Wer möchte nicht Sicherheit in diesen unsicheren Zeiten. Betrüger brauchen immer Menschen, die sich betrügen lassen. Ist Intelligenz denn gar kein Schutz?

In einer hoch renommierten Klinik werden aktuell alle Patienten mit einem Schnelltest auf SARS-CoV-2-Antikörper untersucht. Aufgrund des Tests werden hygienische Massnahmen entschieden. Der Einwand, dass diese Tests uns alle viel kosten aber kein zuverlässiges Resultat erwarten lassen, wird zurückgewiesen. So habe man doch wenigstens eine gewisse Sicherheit. Ist das so?

Kommerziell angebotene Blut-Tests versprechen mit wissenschaftlichem Vokabular eine Sicherheit, wo zur Zeit keine herstellbar ist. Die Genauigkeit eines Labortests berechnet sich aus drei Grössen:

  1. Vortestwahrscheinlichkeit: In der Schweiz haben sich wahrscheinlich nur 5 Prozent der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 angesteckt. Die Vortestwahrscheinlichkeit für einen Covid-Schnelltest ist also etwa 5 Prozent.
  2. Sensitivität: Das ist die Empfindlichkeit des Tests. Die kommerziell angebotenen Antikörper-Tests, entdecken etwa 95 Prozent aller Infizierten. Nur 5 Prozent werden nicht entdeckt. Tönt nicht schlecht, könnte man denken.
  3. Spezifität: Die kommerziell angebotenen Antikörper-Tests haben eine Spezifität von 95 Prozent. Sie reagieren zum Beispiel wegen durchgemachten anderen Coronainfektionen. Das scheint immer noch sehr gut. Aber 5 Prozent der Testresultate sind fälschlicherweise positiv. Sie zeigen zu Unrecht eine durchgemachte Covid-19-Infektion an.
Getestete Personen = 100'000 100 000 100,00%
Infizierte: Wirklich durchgemachte Covid-19 / Vortestwahrscheinlichkeit: 5% hatten Covid-19 5 000 5,00%
Nicht-Infizierte 95 000 95,00%
     
Im Detail, der Covid-Schnelltest heute:    
Der Test hat eine Sensitivität von 95%. 95% der 5'000 Infizierten werden entdeckt 4 750 4,75%
Nur 5% der 5'000 Infizierten werden nicht entdeckt und bleiben falsch negativ 250 0,25%
Der Test hat eine Spezifität von 95%. Also testen 5% der 95'000 Nicht-Infizierten falsch positiv 4 750 4,75%
95% der 95'000 Nicht-Infizierten falsch positiv 90 250 90,25%
  100 000 100%
Beispielrechnung: Ein guter Covid-Test bei einer Durchseuchung der Bevölkerung von 5%    
Der Test hat eine Sensitivität von 97,5%. Von den 5'000 Infizierten werden 97,5% entdeckt 4 875 4,88%
Der Test hat eine Spezifität von 99,5%. Nur 0,5% der Nicht-Infizierten werden falsch positiv 475 0,48%
     
Beispielrechnung: Ein guter Covid-Test bei einer Durchseuchung der Bevölkerung von 20%    
Der Test hat eine Sensitivität von 97,5%. Von den 20'000 Infizierten werden 97,5% entdeckt 19 500 19,50%
Der Test hat eine Spezifität von 99,5%. Nur 0,5% der 80'000 Nicht-Infizierten werden falsch positiv 400 0,40%

 

Ein positives Schnelltest-Resultat ist zur Zeit keine Grundlage für individuelle Entscheidungen. Der Test wäre nur geeignet, statistische Daten über die Durchseuchung der Bevölkerung zu erheben. Angeboten wird er aber als vermeintliche Sicherheit für verängstigte Menschen.

Covid-Schnelltests sind also organsierter Betrug am Kunden. Wenn 100'000 Schweizer getestet werden, stehen 4750 richtig entdeckten Covid-19-Fällen 4750 falsch positiv getestete gegenüber. Würfeln und Raten sind mindestens so gut.

Wie lange noch? Börsenkurse und die veröffentlichte Meinung zeigen, dass erst wenigen Menschen bewusst ist, wie lange wir noch massivste Einschränkungen werden ertragen müssen. Lasst uns die Überlegungen für die Schweiz machen.

Deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat sich noch nicht mit SARS-CoV-2 angesteckt. Erst wenn mindestens Dreiviertel der Bevölkerung infiziert ist, verlangsamt sich die unkontrollierte Ansteckung durch Herdenimmunität: Die Viren finden dann zunehmend weniger noch nicht infizierte Opfer. Aber dorthin werden wir realistischerweise nie kommen.

Aktuell infizieren sich täglich höchstens 10'000 Menschen in der Schweiz mit SARS-CoV-2 Corona-Viren. Mit PCR positiv getestet werden sogar nur rund 700 Personen pro Tag. Wenn sich in der Schweiz tatsächlich täglich 10'000 Menschen infizierten, dauerte es eineinhalb Jahre, bis sich mindestens Dreiviertel der Einwohner angesteckt haben und wir Herdenimmunität erreichen. Bei dieser Rechnung würden mehr als 50'000 Menschen in der Schweiz an Covid-19 sterben. Es ist denkbar, dass sich das eine oder andere Medikament als sehr wirksam gegen Covid-19 erweist. Die vier weltweit grössten Impfstoffhersteller versprechen erst auf Ende 2021 eine massentaugliche Impfung. Impfstoffe werden möglicherweise erst dann verfügbar, wenn sie vielerorts nicht mehr dringend gebraucht werden.

Die aktuellen seuchenpolizeilichen Massnahmen genügen um in fast allen westeuropäischen Ländern, die virale aktuelle Reproduktionsrate unter 1 zu drücken: Jeder Infizierte steckt weniger als eine weitere Person an. Wenn die Kontrollmassnahmen so stark gelockert werden, dass der durchschnittliche Infizierte mehr als eine weitere Person mit SARS-CoV-2 infiziert, steigt die Kurve wieder exponentiell an. Dann verdoppelt sich die Zahl der Angesteckten alle zwei bis vier Tage. Sogar wenn die Verdoppelung nur wöchentlich geschieht, braucht es keine sechs Wochen um das Gesundheitswesen kollabieren zu lassen. Die ökonomischen und gesamtgesellschaftlichen Folgen eines solchen Szenarios sind katastrophal. Der Kollaps des Gesundheitswesens könnte ein Vielfaches an nicht Covid-19-bedingten Todesfällen nach sich ziehen.

Bei der schrittweisen Lockerung der Covid-19-Kontrollmassnahmen müssen die Behörden dauernd beobachten, ob die Häufigkeit der Infektionen nicht wieder exponentiell zunimmt. Mit PCR-Abstrichen ist das mit einer Verzögerung von zwei bis vier Wochen sichtbar. Die Durchseuchung wird mit gut erprobten Antikörpertests besser und mit einer Zeitverzögerung von höchstens zwei Wochen erfasst werden können. Die praktische, die epidemiologisch relevante Sensitivität dieser serologischen Tests wird erst in der Anwendung sichtbar werden. Vermutlich werden wir erst Ende Mai vermutlich verlässliche zeitnahe Zahlen kennen.

Lieber André,
Ich frage mich warum, eine klarere Abgrenzung der gefährdeten Bevölkerungsanteile nicht mehr angestrebt wird. Und bevor ich nun als schrecklicher Faschist benannt werde, ist es doch legitim diese Frage zu stellen, denn sterben tun gemäss Schweizer Statistik nur Menschen mit mindestens einer oder mehreren schweren Vorerkrankungen. Davon sind die große Mehrheit im hohen Alter.
Da ich keine medizinische Fachperson, noch ein Epidemiologe bin, verstehe ich hier den Sachverhalt vielleicht nicht korrekt. Mir scheint aber eher, dass wir hier etwas zu unmündig mit Anweisungen zugedeckt werden, anstatt dass man uns klar sagt: ja, eine diskriminierende Behandlung der Bevölkerung würde aus epidemiologischer Sicht zwar Sinn machen, ist aber in keiner Weise mit unserer Verfassung vereinbar. Oder dass man mir schlüssig und mit wissenschaftlichen Argumenten erklärt, warum eine diskriminierende Behandlung (also Ausgangssperre für gefährdete Personen) auch aus epidemiologischer Perspektive unsinnig ist. Kurz: mehr glaubwürdige Daten würden uns in all diesen Fragen helfen.
Liebe Grüsse

Lieber Micha

Die Inuit erwarteten von ihren Alten, dass sie sich zum Sterben zeitig in die Kälte zurückziehen, da die kleine Gemeinschaft eines Iglus Alte nicht durchfüttern konnte. Es ist berechtigt zu fragen, ob Junge wegen der Covid-19-Pandemie unnötig grosse Lasten tragen müssen. Dein Vorschlag, den gefährdeten Teil der Bevölkerung selektiv zu isolieren, möchte ich darum ausführlicher kommentieren. Das Alter ist für 90 bis 95 Prozent der Fälle ein einfaches Kriterium der Gefährdung durch Covid-19. Mindestens 5 Prozent der Risikopersonen ist aber jünger als 65 Jahre alt. Was ist mit der 40 jährigen Mutter von drei Kindern mit einem Mammakarzinom und Chemotherapie? Was ist mit dem 50 jährigen Familienvater mit Bluthochdruck, mit der zuckerkranken, jungen Studentin, mit den HIV-Infizierten oder Hepatitis-Kranken? Wie kann ihre Isolation nur schon durch Bezeichnung der Betroffenen durchgesetzt werden?

Die Isolation müsste sehr radikal und sogar brutal durchgezogen werden. Die Machbarkeit würde rasch an die Grenzen der Funktionsfähigkeit unseres Systems gelangen. Spielen wir die Zahlen einmal durch: Wenn der Teil der Bevölkerung ohne grosses Risiko keinen Kontaktbeschränkungen mehr unterliegt, verdoppeln sich die Zahlen der Infizierten exponentiell. Alle 2-4 Tage verdoppelten sich diese Zahlen. Nach einem Monat wären mindestens 50'000, nach sechs Wochen rund die Hälfte der Bevölkerung infiziert. Covid-19 ist auch bei jungen, sonst gesunden Menschen nicht selten eine schwere Krankheit. So viele junge Menschen könnten plötzlich nicht zur Arbeit erscheinen, dass die Wirtschaft unkontrolliert zum Stillstand kommen würde. Die Spitäler wären mit den zu erwartenden Hunderttausend bis Dreihunderttausend jungen, sonst gesunden, aber durch Covid-19 schwerkranken Menschen sicher überfordert. In diesem Szenario habe ich noch nicht berücksichtigt, wie es dabei den Risikopersonen erginge. Lieber Micha, auch in unserem nächsten Familienkreis würden viele Menschen einem gnadenlosen, unbetreuten Sterben ausgesetzt.

André

Lieber Shraga,

Du täuschst Dich. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die Mehrheit der Bevölkerung infektiösen Kontakt mit dem Corona-Virus SARS-CoV-2 gehabt hat. Realistischer sind weniger als 5 Prozent der Bevölkerung bis jetzt schon mit SARS-CoV-2 angesteckt worden.

Wie viele Prozent der Infizierten Symptome entwickeln wissen wir immer noch nicht genau. Die publizierten Studien zeigen unterschiedliche Zahlen. Für diese Fragen, muss man genau hinsehen. Auf welche Art wurden die Symptome als Symptome erfasst? Waren das Angaben der Patienten oder Einschätzung der behandelnden Ärzte? Welche Menschen wurden erfasst und getestet? In der grössten Studie zur Frage der Schwere der Symptome wurden in China die Daten von 44'000 Infizierten ausgewertet: 81 Prozent entwickelten milde Symptome, 14 Prozent schwere und 5 Prozent sehr schwere Symptome, 2.3 Prozent starben. In Italien wurden häufiger schwere Verläufe und Todesfälle gezählt; möglicherweise wird in Italien weniger häufig getestet und zudem ist die Bevölkerung durchschnittlich älter.

Niemand weiss wie viele Träger der Corona-Viren symptomlos bleiben. Auf einem Kreuzfahrtschiff waren von 600 die Hälfte der positiv mit SARS-CoV-2-PCR getesteten, infizierten Passagiere frei von Symptomen. Ein Teil dieser Leute entwickelte erst später Symptome, da sie noch in der sogenannten Inkubationszeit waren, die bis über 2 Wochen dauern kann. Auch in einer kleinen Studie an Pflegefachleuten waren im Verlauf letztlich kaum symptomlose Infektionen zu beobachten.

Für die Schweiz hat Daniel Koch vom BAG an einer Pressekonferenz kürzlich die Schätzung von 250'000 Infizierten genannt. Diese Zahl scheint auch mir wahrscheinlich. Trotzdem ist eine wesentlich höhere Zahl durchaus möglich. Die bisherigen Zahlen beruhen auf PCR-Tests aus Abstrichmaterial. Erst wenn serologische Antikörpertests die Durchseuchung der Durchschnittsbevölkerung besser erfassen, werden wir mehr wissen. (vgl. meine Diskussionsbeiträge der letzten Tage).

Die grosse Mehrheit der Bevölkerung könnte durch Covid-19 also erst noch angesteckt werden. Die Infektionsraten auf Kreuzfahrtschiffen und in fanatisch religiösen Kreisen zeigen, dass sich durchaus in kurzer Zeit mehr als die Hälfte einer Population mit SARS-CoV-2 infizieren kann.

Kein Impfstoffhersteller erwartet, vor Ende 2021 eine Impfung liefern zu können. Einschneidende Massnahmen sind also noch viele Monate lang notwendig. Wir werden eine grosse körperliche Distanz und die Omnipräsenz des Virus in unserem normalen Sozialverhalten verinnerlichen müssen.

Lieber André
V. und ich haben uns wahrscheinlich bereits vor Wochen mit Covid-19 angesteckt und sind inzwischen davon genesen. Gerne wüssten wir, ob dem auch so ist. Die Frage ist aber auch sonst relevant. Es könnte anders mit der Problematik umgegangen werden, wenn wir den Durchseuchungsgrad besser kennen würden. Aber sobald wir ihn kennen, wird es auch sofort zu politischen Forderungen kommen. Darauf sollten gute Antworten bereit sein. Bin gespannt.

Lieber M.
Gut dass es Euch beiden wieder besser geht. Gut auch, dass sich sonst niemand weiter angesteckt hat. Leider kann ich Dir im Moment nicht sagen oder anbieten, wo Du und Deine Freundin einen serologischen Test machen können. Die kommerziell teilweise schon erhältlichen serologischen Tests sind von zweifelhafter Qualität und ihr Einsatz ist schlicht asozial. Eine mir gut bekannte Kollegin bietet in ihrer neueröffneten Praxis einen solchen Test für 140.- CHF. Individuelle serologische Tests haben nur ausnahmsweise eine klinisch bedeutsame Aussagekraft. Du hast recht, wir müssen dringend den Durchseuchungsgrad der Bevölkerung kennen. Nur dann können wir die Restriktionen vermindern.

Punktlandung: Wenn der aktuelle Durchseuchungsgrad 50 Prozent und höher wäre, könnten wir die Restriktionen zurückfahren. Denn dann würden die nächsten 20 bis 30 Prozent, die für eine Herdenimmunität noch nötig sind, unser System nicht überfordern.

Eine Bruchlandung ist möglich, wenn sich erst deutlich weniger als die Hälfte der Bevölkerung angesteckt haben. Wenn wir das nicht wissen und die Kontaktregeln  trotzdem aufheben, wird die Epidemie sich wieder exponentiell ansteigend ausbreiten. Alle drei bis vier Tage würden sich doppelt so viele Menschen zusätzlich anstecken. Das wäre eine kaum noch zu bewältigende Katastrophe.

Niemand weiss, wie viele Menschen sich mit SARS-CoV-2 infiziert haben. Die Durchseuchung in der Schweiz ist genauso unbekannt wie in der ganzen Welt. Wir wissen nicht, wie viele Menschen durch eine Infektion mit Covid-19-Erregern schon immun sind und wie viele sich noch anstecken könnten. Wir haben bisher nur ein Messinstrument für die Pandemie und das ist der PCR-Test. Der PCR-Test beweist die Infektion nur einige Tage lang im akuten Stadium. Aus naheliegenden Gründen wissen wir weder lokal noch international, wie gross die Zahl der positiv getesteten Fälle im Verhältnis zu den Nicht-Getesteten steht. Sind weniger als fünf Prozent der Bevölkerung oder mehr als fünfzig Prozent schon infiziert? Wie weit entfernt sind wir von einer Herdenimmunität?

Im Blindflug, nur mit einem Höhenmeter aber ohne Kompass und Landkarte, verlangen nun gewisse Politiker eine Landung. Wir wissen nicht, wo wir landen würden. Aber wir wissen auch, dass der Sprit nicht ewig reichen wird. Wir müssen irgendwann einmal landen; Durchzustarten gelingt uns auch nicht beliebig oft. Blind zu landen ist immer noch töricht.

Wir müssen so schnell wie möglich den Durchseuchungsgrad der Bevölkerung kennen. Es muss intelligent getestet werden. Wenn wir nur in den medizinischen Zentren testen, werden wir auch in einem Monat zu wenig über die wirkliche Durchseuchung wissen. Repräsentative serologische Resultate könnten die Unsicherheiten entscheidend einschränken. Ich habe hier einen Studienvorschlag.

Lieber André Seidenberg
Ein Thema, das mich seit Ausbruch der Corona Pandemie immer wieder beschäftigt, betrifft die Übertragung von Viren von Tieren auf den Menschen. Leider enthalten die  Beiträge der Medien wenig wissenschaftlich untermauerte Informationen dazu (oder ich habe sie übersehen). Nun äussert der Arzt und Kabarettist Eckart von Hirschhausen im Interview im Tagesanzeiger vom 2.4.20, dass Wildtiermärkte weltweit sofort verboten werden müssten. Er argumentiert, der Grund, warum immer wieder Viren von Wildtieren auf Menschen übertragen werden, sei der brutale Rückgang der natürlichen Lebensräume der Wildtiere, die zudem noch gegessen und gehandelt werden.
Mich interessiert nun die Frage, welche wissenschaftlichen Erkenntnisse diese Aussage stützen,  und inwiefern ein weltweites Verbot von Wildtiermärkten künftige Pandemien dieser Art effektiv verhindern könnten. Falls ein Verbot tatsächlich eine wirksame Strategie sein könnte, stellt sich die weiterführende Frage nach der Rolle der WHO. Müsste sich die WHO nicht viel aktiver dazu äussern, wie Erkenntnisse aus Corona, SARS, Ebola etc. in Strategien umzusetzen wären, die das Risiko für künftige Epidemien dieser Art mindern könnten?
Ich bin gespannt auf Ihre Antwort und bedanke mich sehr herzlich für Ihr Blog Angebot! Ich verfolge die Diskussionen und anderen Beiträge mit Interesse.
Mit freundlichen Grüssen

Liebe Tildy Schulte

Ihre Fragen sind wichtig, wenn es darum geht, gegen zukünftige Pandemien besser gewappnet zu sein. SARS-CoV, der Erreger der SARS-Epidemie 2003 in Asien, ist im Menschen der nächste Verwandte von SARS-CoV-2, dem Erreger der aktuellen Covid-19-Pandemie. SARS war deutlich häufiger tödlich als Covid-19.

 

Die Verwandschaft der sieben bekannten menschlichen und der tierischen Coronaviren kann durch vollständige Sequenzierung ihrer Gene analysiert werden. Der Stammbaum der menschlichen Corona-Viren ist gefüllt mit nahen Verwandten welche sich im Tierreich vermehrten. SARS-CoV hat sich nicht im Menschen zu SARS-CoV-2 weiter entwickelt. SARS-CoV scheint aus Zibet-Katzen auf den Menschen gelangt zu sein. Vor allem bei Fledertieren wurden Verwandte und Zwischenformen von SARS-CoV und SARS-CoV-2 gefunden. Der nächste Verwandte von SARS-CoV-2 wurde in Schuppentieren gefunden. Der Sprung von Tieren zum Menschen ist dem Erreger von Covid-19 anscheinend über zwei Stationen geglückt. In Fledertieren wurde der zweitnächste Verwandte von SARS-CoV-2 gefunden. In ameisenfressenden Schuppentieren (Pangolin) fand sich der nächste verwandte Virus von SARS-CoV-2.

 

Zibet-Katzen, Fledertiere und Schuppentiere wurden auf asiatischen und afrikanischen Märkten als lebende Güter massenhaft verkauft. Ein weltweites Verbot dieser Wildtiermärkte könnte das Risiko von Artensprüngen reduzieren. Der Rückgang von Lebensräumen für Wildtiere kann teilweise und zeitweise zu vermehrten Kontakten von Wildtieren zum Menschen führen. [Diese letztere Argumentation überzeugt mich aber nur beschränkt. Zynischerweise könnte man auch einwenden, dass geringere und artenärmere Wildtierbestände auch einen weniger grossen Pool an Wirten und damit statistisch geringere Chancen für einen Artensprung ermöglichende Mutationen beinhalten.] Wesentliche und historisch gesehen neue Treiber für die pandemische Ausbreitung von neu auf den Menschen übergegangene Erreger sind die weltweit grosse Mobilität.

 

Es ist zu hoffen, dass Covid-19 die internationalen und nationalen Pandemie-Strategien praktisch und wirklich stärken. Aids, SARS, MERS, Ebola, Covid-19 und die jährlich unterschiedlich gefährlichen Influenza-Erreger zeigen, wie bedroht die Menschheit durch Pandemien wirklich ist. Aus rund einem Duzend Familien von Viren könnten heute in Form einer neuen Mutation im Menschen einen neuen Wirt finden. Die nächste Pandemie könnte noch tödlicher werden. Das statistische Risiko ist heute in Bezug auf Covid-19 schwierig abzuschätzen und noch mehr in Bezug auf unbekannte zukünftige Pandemien: Alle 30 Jahre, alle 100 Jahre? Todesfallrate 1 Prozent oder 10 mal mehr? Lokale und weltweite Investitionen zur Pandemievorsorge dürften sich ökonomisch auszahlen. Ob die WHO einen Lead übernehmen kann, weiss ich nicht.

Alles Guäti, bliibäzi xund
André Seidenberg

 

Unser Durchhaltewille wird in der Corona-Pandemie auf die Probe gestellt. Leider haben wir weltweit keine Ahnung über den Status der Epidemie. Wir wissen nicht, wie viele Menschen sich bisher mit SARS-CoV-2 angesteckt haben.

Um eine bessere Ahnung von der Durchseuchung mit SARS-CoV-2 zu gewinnen, müssen dringend Querschnittsuntersuchungen in der allgemeinen Bevölkerung durchgeführt werden. Mit einem Bus sollte an wechselnden Standorten getestet werden. Zufällige Passanten werden zur freiwilligen, nicht anonymisierten Abgabe einer Blutprobe in einen Bus eingeladen. Getestet wird auf spezifische IgG und IgM- Antiköper gegen SARS-CoV-2. Die Probanden unterschreiben ein Informed-Consent-Sheet, geben Auskunft über ihre Personalien, ob bisher bei ihnen ein SARS-CoV-2-Test durchgeführt wurde und ob Sie sich erinnern seit Februar 2020 Symptome gehabt zu haben. Die Daten werden statistisch ausgewertet, gemeldet und unverzüglich publiziert. Unser Bus wechselt alle zwei Stunden den Standort. Wir halten in allen zwölf Stadtkreisen in der Nähe des Quartierzentrums. Täglich könnten etwa 100 Proben auf Antikörper getestet werden.

Wie viele Menschen haben sich bisher angesteckt, ohne es zu wissen oder ohne es sicher zu wissen? Sind es 5 Prozent oder 50 Prozent der Bevölkerung? Wir wissen nur wer positiv mit PCR getestet wurde. Das tumbe Testen, Testen, Testen wird uns nicht wirklich weiter bringen. Es muss intelligent getestet werden. Wenn wir nur in den medizinischen Zentren testen, werden wir auch in einem Monat zu wenig über die wirkliche Durchseuchung wissen. Repräsentative serologische Resultate könnten die Unsicherheiten entscheidend einschränken. Ich habe hier einen Studienvorschlag.

Lieber Andre,
In Kolumbien gibt es momentan sehr starke Einschränkungen. Wir dürfen nur zweimal in der Woche und nur, um Lebensmittel einzukaufen, alle anderen Läden sind zu. In die Stadt darf ich gar nicht mehr, da ich über 65 bin.
Corona:
Frage: Wenn es keine Teilimmunität gibt, warum erkranken dann die meisten nur leicht? Das von Dir beschriebene Prozedere bei der Erfassung der Todesursachen erscheint sinnvoll. Werden die daraus zu ziehenden Schlussfolgerungen jedoch auch tatsächlich für die Oeffentlichkeit verständlich und transparent kommuniziert?
Ich habe unlängst eine Artikel gelesen von einem Deutschen Gerichtsmediziner. Er sagte, dass viele Morde unentdeckt blieben, weil die meisten Todesfälle von den Notärzten routinemässig als "Herzversagen" notiert werden, da sie weder Lust noch Zeit hätten, den Leichnam eingehend zu untersuchen. Sowas treibt natürlich unter anderem auch die Quote der Tode durch Kreislaufprobleme in die Höhe. Wenn nun z. B. Dr. Koch bei der Medienkonferenz sagt, die aktuellen 280 Beatmungspatienten seien viel für die Schweiz, aber keine Antwort darauf weiss, wie viele es in anderen Jahren im Schnitt sind, dann fragt man sich natürlich, wie genau es mit den anderen Zahlen genommen wird. Oft entsteht der Eindruck: Hauptsache möglichst dramatisch. Dies gilt natürlich noch viel mehr für die Medien (bad news are good news).

 

Lieber Däni

Ja, viele Menschen sehen zur Zeit nur noch ihre allernächsten...

Warum erkranken die meisten Menschen nur wenig?

Neben den spezifischen Antikörpern, welche von den B-Lymphozyten produziert werden, und den spezifischen Abwehrzellen, genannt T-Lymphozyten, hat der Körper noch ein vielseitiges Arsenal an angeborenen, weniger spezifischen Abwehrkräften.  Eine weitere mögliche Erklärung habe ich in meinem letzten Brief erwähnt: Jüngere Menschen und Kinder haben einen breiten, vielfältigen Pool an Antikörper produzierenden Zellen. Aus diesem Pool finden sich leichter passende Antikörper und sie können rascher vermehrt werden als bei Alten. Offen gestanden kennen wir die Pathogenese, die Mechanismen der Krankheitsentstehung nur teilweise; wir wissen noch vieles nicht zu Covid-19, was wir dringend wissen möchten.

 

Hauptsache möglichst dramatisch?

Ich habe nicht den Eindruck, dass die Schweizer Behörden die Lage dramatisieren. Daniel Koch kommuniziert bravourös und seine Haltung und Einstellung imponiert mir. [Das ist nicht zum vorneherein so selbstverständlich: Jahrelang habe ich mich furchtbar über ihn geärgert, da er mir hauptverantwortlich schien, dass die Anstrengungen gegen Hepatitis C der Schweiz ungenügend vorangetrieben wurden. Wenn wir vor 5 Jahren eine andere Politik gefahren wären, hätten wir Hepatitis C in der Schweiz bis heute praktisch ausrotten können. Hepatitis C killt in der Schweiz heute mehr Menschen als HIV/Aids]

 

Beatmungsgeräte, Materialbewirtschaftung durch Bundesbehörden?!

Der Bund verpflichtet alle Institutionen, staatlichen Betriebe und Privatunternehmen ihre Bestände an Epidemie-relevanten Gütern wie  Beatmungsgeräte, Atemschutzmasken, Testreagenzien u.ä. zentral zu melden. Damit soll eine gerechte Verteilung über das ganze Land gewährleistet werden. Sicher, wir brauchen verlässliche Zahlen. Ob die Versorgung durch eine zentralstaatliche Zuteilung verbessert werden kann, ist fraglich. Für mich ist das eine beunruhigende Massnahme. Ich hoffe das BAG verliert nicht die Nerven.

ỊBuenas tardes, mi hermano!
André

Grüezi Herr Seidenberg
Herzlichen Dank für Ihre ausführliche Antwort. Ich habe ebenfalls Zweifel an der Webseite Swiss-Propaganda-Research, sie haben kein Impressum und halten sich namenlos. Das ist zum einen widerrechtlich und es stellt sich die Frage, warum sie nicht mit Namen zu ihrer Meinung stehen können.
Abgesehen davon finde ich aber gewisse Fragestellungen und Behauptungen schon interessant. Viele Leute fragen, wie viele Personen denn so bei einer „gewöhnlichen“ Grippe sterben. Die Zahl wird so viel ich weiss aufgrund der Übersterblichkeit errechnet oder ermittelt. Ist nun die Übersterblichkeit dieses Jahr wirklich so viel höher? Und wer sind die betroffenen Todesopfer, wie viele Alte, wie viele Junge, wie viele mit Krankheiten? Weicht dieses Bild von den gewöhnlichen Grippen ab? Wie viel ist die Todesrate dieses Jahr über der Norm? Ich würde es befürworten, wenn mehr Zahlen darüber veröffentlicht würden.
Ich habe schon den Verdacht, dass die Coronakrise nicht soooo schlimm ist, wie in den Medien dargestellt. (Ich rede jetzt mal nur von der Schweiz.) Ich frage mich auch, ob die Massnahmen nicht übertrieben sind. Allerdings bin ich keine Ärztin, sondern Botanikerin und kann nur Vermutungen anstellen, ich kenne die Faktenlage zu wenig.
Danke, ich bleibe gesund und Sie bitte auch! Schön von Ihnen zu hören und alles Gute!
Liebe Grüsse
Monika Huber

Liebe Frau Huber

Danke für Ihre Frage: Heute am 2.4.20 ist zur Frage der Übersterblichkeit in der NZZ S. 13 ein guter Artikel mit einer aktuellen Graphik erschienen. Die Kurve der Übersterblichkeit zeigt signifikant aus dem Normalen heraus. Der weitere Verlauf muss abgewartet werden. Aus der Graphik der NZZ ist nicht genau ersichtlich bis wann Daten erfasst sind; die Todesfälle der letzten Tage sind sicher noch nicht erfasst. Die Daten werden in verschiedenen Ländern unterschiedlich erfasst; das muss bei Vergleichen berücksichtigt werden.

In der Schweiz werden alle Todesfälle und ihre Ursachen im Sterberegister erfasst. Der Arzt, welcher einen Totenschein ausstellt, muss eine entsprechende Meldung machen. Covid-19-bedingte Todesfälle müssen aufgrund des Epidemie-Gesetzes zudem innert 24 Stunden dem Kantonsarzt und dem BAG gemeldet werden. Eine abschliessende Beurteilung der Übersterblichkeit ist erst möglich, wenn alle Meldungen im Sterberegister mit den seuchengesetzlichen Meldungen verglichen werden können. Das dürfte vermutlich erst nächstes Jahr aus wissenschaftlichem Interesse erfolgen.

Die Sterblichkeit bei einer gewöhnlichen Grippe-Pandemie beträgt 0,02 bis 0,1 Prozent. Die Covid-19-bedingte Sterblichkeit scheint eher mehr als 1 Prozent zu betragen und ist also vorsichtig gerechnet 10 bis 50 mal grösser als bei einer gewöhnlichen Influenza. Alle Jahre stecken sich rund 10 Prozent der Bevölkerung mit Influenza-Viren an. Die SARS-CoV-2-Pandemie scheint ohne Kontrollmassnahmen 25-40 Prozent einer Bevölkerung anzustecken.

Die Altersverteilung der Grippe-Sterblichkeit ist meist asymmetrisch U-Förmig: Säuglinge und Kleinkinder haben eine etwas erhöhte Sterblichkeit, im Jugend- und Erwachsenenalter ist sie gering und ab 60-70 Jahren steigt die Sterblichkeit rasch zunehmend an. Covid-19 zeigt eine ähnliche Verteilung, allerdings sind Kleinkinder und möglicherweise auch Säuglinge kaum betroffen. Anders zeigte sich die Altersverteilung bei der spanischen Grippe-Pandemie 1918/19, welche Menschen im mittleren Lebensalter (zum Beispiel Soldaten) besonders hart traf. Die plausibelste Erklärung: Mit zunehmendem Alter ist der Pool an immunkompetenten Zellen in seiner Breite / Diversität eingeschränkt. Je älter wir werden, desto weniger gross sind die Chancen, dass wir gegen einen uns unbekannten Erreger geeignete Antikörper produzieren können. Wer 1957 schon lebte, wird gegen ähnlich Grippeviren wie diejenigen bei der damaligen asiatischen Grippe (H2N2) gewappnet sein. Gegen SARS-CoV-2 besassen Menschen vor 2020 keine wirksamen Antikörper.

Bliibäzi xund!
André Seidenberg

Grüezi Herr Seidenberg,
Es gibt auf der Seite der „Swiss Propaganda Research" einige Artikel zum Thema Corona. Z.B. den folgenden: https://swprs.org/covid-19-hinweis-ii/. Was halten Sie davon?
Liebe Grüsse

Guten Tag Frau Huber,
Danke für Ihre Frage. Gestern hatte ich zu wenig Zeit zu beurteilen, wie seriös die Website "swiss-propaganda-research" ist. Ich hatte schon meine Zweifel.

Die Seite ist in hohem Masse suspekt. Unklar ist auf alle Fälle wer dahinter steht: Wer finanziert, wer ist die Trägerschaft? Ich fand nur den Eintrag auf Englisch: " Swiss Propaganda Research (SPR) is an independent nonprofit research group investigating geopolitical propaganda in Swiss and international media.

Die Seite zielt mit allen Artikeln zum Thema Covid-19 auf die Verunglimpfung der Aussagen offizieller Organe, der wissenscahftlichen Mainstream-Meinungen und die Verharmlosung der Pandemie.

Zu dem von Ihnen speziell genannten Artikel:
Zweifellos ist die Luftqualität in der Po-Ebene bei Hochdrucklagen und wochenlangem Nebel schlecht. Zweifellos sind die schlechte Luftqualität ein Grund Für vermehrte Lungenkrankheiten in der Lombardei; das ist jedes Jahr so. Der Artikel kommentiert irreführend. Die hohe Zahl an SARS-CoV-2 Infektionen, die hohe Erkrankungsrate an Covid-19 und die hohen Zahlen an Verstorbenen in der Lombardei werden dadurch aber nicht zureichend erklärt. Die Proportion der Anzahl Todesfälle, der Anzahl Erkrankter und der Anzahl an Corona-Infektionen ist in ganz Italien ähnlich. Der Artikel kann und will vermutlich dazu verleiten, die Covid-Pandemie als nicht hauptursächlich für die jetzige Krise anzusehen.

Auch im schweizerischen Sterberegister werden Hauptursachen und Nebenursachen eines Todesfalls erfasst. Die aktuelle Übersterblichkeit in der Lombardei korreliert mit dem Verlauf der Infektionshäufigkeit. Die Krankheitsbilder in den italienischen Spitälern können durch andere Ursachen als Corona-Infektionen nicht zureichend erklärt werden. Gesundheitliche Schäden durch die Luftqualität erscheinen nicht primär als Husten mit Fieber und plötzlich schwersten Lungenentzündungen sondern wirken wie Asthma. Asthmoide Erkrankungen gelten nicht als Risikofaktoren für Covid-19.

Beantwortet das Ihre Frage?
Bliibäzi xund
André Seidenberg

ASe 31.3.20:

Nur wenig Menschen in der Schweiz haben kein Handy; die meisten haben sogar ein Smart-Phone mit Bluetooth, welches Daten über die Nähe zu anderen Smart-Phones generiert. In wenigen Wochen müssen die restriktiven Massnahmen gelockert werden und im Kern individuelle epidemiologische Kontrollen durchgeführt werden.

Für den Vollzug der gesundheitspolizeilichen Massnahmen sind in der Schweiz die Kantonsärzte unter Führung des Bundes zuständig. Die Kantonsärzte müssen nun Massnahmen vorbereiten. Können Sie technische Lösungen anbieten, auf ihre Daten- und Rechtssicherheit überprüfen? Das Land der Wünsche muss nun verlassen werden. Technische Lösungen sind denkbar, aber fallen nicht vom Himmel und sind auch dann noch lange nicht praktisch umgesetzt. Wahrscheinlicher sind (zunächst) viel konventionellere Massnahmen.

  • Welches Personal wird die Kontrollen durchführen, welche unser Leben im Sommer 2020 ziemlich wesentlich bestimmen wird: Polizei, Hilfspolizei, Militär, Zivis?
  • Wird solches Personal zurzeit geschult?
  • Wer schult dieses Personal? Was lernen sie?
  • Von welchen Kriterien wird sich die Seuchenpolizei leiten lassen?
  • Wie werden individuelle Rechte und die Notwendigkeiten der Kontrolle in den Sommer-Zeiten von Corona abgewogen werden?
Die Aufgabe der Öffentlichkeit, der Medien und der Politik ist es, diese Fragen nach der wirklich geplanten Praxis jetzt zu stellen.

Die Medien sind voll mit unkonventionellen Lösungsvorschlägen (Corona-Tracking / Kontakt-Tracing). Aber wie werden wir in diesem Sommer leben? Welche Fragen muss man heute stellen?
Wann können Quarantäne und andere die persönliche Freiheit und die Wirtschaft des Landes einschränkende Massnahmen reduziert oder beendet werden?

Im Verlauf der Covid-19-Epidemie in der Schweiz muss plausibel sein, dass übrig gebliebene Infektionsherde mit den vorhandenen Mitteln eingegrenzt werden können. Dann können die allgemein geltenden Restriktionen schrittweise gelockert werden.

Wie können wir das abschätzen?

Wir müssen fragen, welche Faktoren beeinflussen den Verlauf der Epidemie? Wie wirksam erscheinen sie? Wieviele Menschen sind infiziert, wieviele sind immun, wieviele können sich noch anstecken?

Im Verlauf einer Epidemie nimmt die Zahl der Infizierten zuerst exponentiell zu; mit Verzögerung steigt die Zahl der Geheilten und Immunen. Das Virus findet immer weniger empfängliche Wirte: der Pool der noch-nicht-infizierten Menschen schwindet. Je weniger Menschen sich angesteckt haben, aber von der gefährlichen Epidemie noch erfasst werden können, desto dringlicher müssen Containment-Massnahmen durchgeführt werden.

Zu Beginn der Covid-19-Pandemie ist in der Schweiz kein Containment geglückt. Die Zahl der Neuansteckungen stieg zu lange. Die Eindämmungsmassnahmen kamen zu spät. Zur Zeit nähern wir uns dem Höhepunkt der Covid-19-Epidemie in der Schweiz. In den kommenden zwei bis drei Wochen werden wir genügend genau wissen,  wie viele Menschen in der Schweiz sich mit SARS-CoV-2 Corona-Viren angesteckt haben, wie viele immun sind und sich nicht mehr anstecken können.

Wann kann man was tun?
  • Die Zahl der gegen SARS-CoV-2 noch-nicht-immunen Menschen kann dereinst durch eine Massenimpfung gesenkt werden. Vor Herbst 2020 ist damit nicht zu rechnen.
  •  Wenn die Zahl der Neuinfektionen zu gross ist, können die restriktiven Massnahmen noch nicht gelockert werden. Wenn wir mit den vorhandenen Mitteln nicht alle Neuinfektionen sofort erfassen können, wenn neu infizierte Menschen weitere Menschen infizieren, wenn wir nicht jeden neuen Herd eingrenzen und Infektionsketten sofort unterbrechen können, können die restriktiven Massnahmen noch nicht gelockert werden.
  • Wenn die Zahl der Neuinfektionen deutlich sinkt, aber immer noch viele Menschen nicht immun gegen SARS-CoV-2 sind, werden Containment-Massnahmen noch viele Monate und vielleicht bis zur Massenimpfung der Bevölkerung notwendig sein.Bei einer Grippe-Pandemie stecken sich fast jedes Jahr rund 10 Prozent der Bevölkerung an. Vielleicht haben sich weniger als 10 Prozent der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert. Dann müssten sich 90 Prozent der Bevölkerung weiter schützen. Dann muss erneut und für lange Zeit jeder neue Infektionsherd sofort erfasst und eingegrenzt werden. Es ist wahrscheinlich, dass sich bis Ende April 2020 weniger als 50 Prozent der Bevölkerung mit dem neuen Coronavirus infiziert haben.
  • Vielleicht haben aber doch viel mehr Menschen als vermutet, eine milde, unbemerkte Covid-19-Erkrankung durchgemacht. Wenn nur noch 20 oder gar weniger als 10 Prozent der Bevölkerung noch nicht immun gegen SARS-CoV-2 ist, werden neue Infektionsherde, neue Ansteckungsketten und die Weiterverbreitung des Virus unwahrscheinlich (Herdimmunität). Staatliche Restriktionen könnten sich dann erübrigen.
Wie werden wir nach dem Höhepunkt der Epidemie leben, wenn die allgemein geltenden Restriktionen schrittweise gelockert werden?

In einigen asiatischen Ländern (Korea, Taiwan, in den meisten Provinzen von China) waren frühe und rigorose Eingrenzungsmassnahmen  erfolgreich. Diese Länder waren wegen früheren gefährlichen Epidemien (SARS, MERS) gewarnt und besser vorbereitet. Diese Länder grenzen die Freiheit ihrer Bürger auch nach dem Höhepunkt der Epidemie so strikt ein, wie wir es vielleicht nicht ertragen wollen. Gibt es Alternativen?

Das Epidemiengesetz ermächtigt die kantonalen Behörden und den Bund zu sehr einschneidenden Massnahmen. Die Kantonsärzte sind das wichtigste gesundheitspolizeiliche Organ. Sie werden im nächsten halben Jahr oder noch länger entscheiden, wie jeder Einzelne von uns nach dem Höhepunkt von Covid-19  leben darf. Die wichtigen Fragen kommen erst jetzt. Jetzt müssen wir unsere Fragen stellen:

Welche individuellen medizinischen Überwachungsmassnahmen planen die Kantonsärzte?

Die kantonsärztlichen Dienste sind personell nicht in der Lage, die medizinische Überwachung durchzuführen. Wie und wer wird individuelle Zwangsmassnahmen im Sommer 2020 durchsetzen? Werden wir die ordentliche Polizei dafür einsetzen, das Militär, der Zivildienst? Werden wir ertragen müssen, dass für diese Aufgabe schlecht ausgebildete Menschen, unseren Alltag befehlen? Werden solche Truppen zur Zeit gebildet und ausgebildet? Wer bildet diese Truppen aus?

Welche Vorgaben macht der Bund den Kantonen?

Kathrin 28.3.20:
Lieber André,
Diese Information habe ich heute aus USA erhalten und gedacht, vielleicht interessiert dies Dich auch. Deine online Fragestunde finde ich sehr wertvoll und hilfreich: Vielen Dank! Alles Liebe
Kathrin

Liebe Kathrin
Der Bericht dieses Dr. Zelenko aus einem regelrechten Corona-Kriegs-Gebiet kann einen sehr nachdenklich stimmen. Der Mann ist sicher gut informiert. Er benutzt Medikamente, die bei anderen Virus-Erkrankungen einen Nutzen gezeigt haben und bei welchen gut Überlegungen einen Erfolg versprechen können. Allerdings, sind seine Behandlungen hochexperimentell. Ohne grosse Not würde ich nicht empfehlen, so etwas einfach als ein gut erprobtes Behandlungsregime zu empfehlen.
Bliib xund
André

Der Chefarzt einer medizinischen Klinik ruft auf der Hotline des Institutes an und will wissen, wann ein immunkompromitierter Patient als geheilt und nicht mehr ansteckend entlassen werden kann. Der Patient hatte im Verlauf der Krankheit Durchfall. Auch im Stuhl wurde das Virus nachgewiesen. Eine Diarrhoe mit wässerigen Stühlen ist weniger häufiges, aber quälendes Symptom, wenn gleichzeitig eine Lungenentzündung vorliegt. Der Patient ist jetzt seit zwei Tagen beschwerdefrei und in den Proben sind keine Corona-Viren mehr nachgewiesen.

Ich rate dem Kollegen, bei diesem immunkomprommittierten Patienten in zwei Tagen nocheinmal einen Nasenrachenabstrich zu machen und auch mit einer Blutprobe das Vorliegen von Antikörpern nachzuweisen versuchen. Der Patient würde so allerdings erst nach 5 Tagen Beschwerdefreiheit aus dem Spital entlassen. Bei einem abwehrgeschwächten Patienten kann es ratsam sein, vorsichtig zu sein, ob er eine Infektion wirklich überwunden hat. Wir diskutieren noch einen zweiten Fall.

Wenn keine besonderen Gründe vorliegen, kann eine Patientin oder ein Patient als geheilt von Covid-19 und als nicht mehr infektiös gelten, wenn sie oder er zwei volle Tage ganz beschwerdefrei ist. Wenn er oder sie nach hause entlassen werden kann, ist in der Regel kein erneuter Abstrich und Testung auf SARS-CoV-2 nötig.

Liebe Freunde,
Bei der Lektüre die NZZ-Artikels über Südkorea und deren Bewältigung der Coronaseuche (siehe unten) werde ich stinkesauer!
Wir haben eine der teuersten und grössten Armeen in Europa, welche die Aufgabe hat, uns Bürger zu schützen. Wir haben eines der best ausgebauten Gesundheitssystemen der Welt, das uns heilen soll.
Aber beim Ausbruch der Seuche in der Schweiz
- fehlten schon von Anfang an genügend Testmöglichkeiten. In Südkorea wurden bereits bei den ersten Coronafällen mobile Test-Labors auf die Strassen geschickt. Die Test-Resultate liegen bereits nach einem halben Tag. Vor Bei uns: Viel zu wenig Tests. Und es dauert Tage, bis ein Resultat da ist.
- Weil zu wenig Tests da waren, konnten wir vor drei Wochen unkontrolliert von der Schweizer Grenzwacht in die Schweiz zurückreisen. Obwohl wir aus Norditalien kamen - und ich sogar auseinem Spital in Omegna. Uns Bürgern wurde gesagt, testen sei unnötig. Wir sollten warten, bis wir allenfalls Symptome zeigen.
- Italien hatte schon vor der Seuche pro Kopf mehr Intensivbetten als die Schweiz.
- Unsere Armee will Milliarden ausgeben für einen neuen Kampfflieger um uns vor Angriffen von aussen zu schützen. Aber wir haben zu wenig Atemmasken. Und anfänglich auch zu wenig Hand-Desinfektionsmittel.
Dank weiser Voraussicht hat Südkorea die Krise durchgestanden ohne Hausarrest der Bevölkerung. Und wir stehen erst am Anfang...
Tanti saluti!
uke

ASe: Lieber Urs,

Wie Du weisst, arbeite ich (sonst pensionierter Rentner) Covid-19-bedingt zur Zeit in der medizinischen Virologie der Uni Irchel-Zürich an der Hotline, seit gestern im Homeoffice. Die zu geringen Testkapazitäten sind tatsächlich mehr als nur ein Ärgernis. Seit zwei Tagen läuft in unserem Institut eine zweite neue Testmaschine der Roche, ein Zimmer füllendes Ungetüm. Täglich können 400 Tests mehr gemacht werden. Die Testkapazitäten wurden in der Schweiz in den vergangenen wenigen Wochen fast verdoppelt.

Engpässe sind nicht nur die Maschinen. Wir haben zu wenig geeignete beflockte Tupfer für die Nasen-Rachen-Abstriche. Geben Behelfsmassnahmen genügend sichere Testresultate? Darf man sich auf Sputumproben verlassen, wenn die Patienten direkt in das Proben-Röhrchen spucken? Haben wir genug Reagenzien? Haben wir genug Schutzmasken, überall wo Patienten getestet werden? Die Tests müssen auch administrativ bewältigt werden. Die Tests kommen aus völlig ungewohnter Quelle, zum Beispiel von Hausärzten. Die Daten können darum nicht mit einem Klick erfasst oder übermittelt werden. Die Angaben auf den Bestellformularen von mehreren Hundert Proben müssen quasi sofort eingetippt werden. Ist die dringliche Probe von gestern nacht bei uns nicht eingetroffen, oder ist sie am Mittag schlicht noch nicht erfasst worden? Tatsächlich sind Freitagmittag einige Proben vom Montag noch nicht fertig ausgewertet.

Wir arbeiten mit dem System das wir haben, so gut es geht. Was soll mit den vielleicht, oder den wahrscheinlich infizierten Mitarbeitern im Spital oder in der Arztpraxis geschehen, deren Tests seit 3 Tagen ausstehen? Prioritäten ändern sich täglich, aber das System kann darauf nicht angemessen schnell reagieren. Welche Tests sollen prioritär durchgeführt werden, wenn es nicht möglich ist alle Tests sofort durchzuführen? Sollen Tests für Organtransplantationen immer noch prioritär durchgeführt werden? Wie können objektive Dringlichkeiten in den Abläufe des Systems wirksam werden? Wer entscheidet praktisch über die Dringlichkeit? Kann das auch umgesetzt werden?

Seit vielen Jahren erwarteten die Infektiologen und Epidemiologen jederzeit eine Pandemie vom Ausmass von SARS-CoV2. Nicht einmal, dass jetzt Coronaviren und nicht etwa eine Influenza-Virus eine solche Pandemie auslösen konnte, kommt überraschend. Südkorea und Taiwan haben ihre Pandemiepläne seit der SARS-Epidemie auf allen Ebenen und relevanten Strukturen verbessert. Südkorea und Taiwan waren jetzt in der Lage, genügend rasch gegen die Ausbreitung von SARS-CoV2 zu reagieren. Sie konnten die ersten Fälle und ersten Herde eindämmen. Darauf war die Schweiz nicht vorbereitet.

Wir konnten Covid-19 nicht genügend bekämpfen, so lange eine Strategie der Eindämmung von Herden noch erfolgversprechend war. Tests und Testkapazitäten sind vor allem zum Zeitpunkt einer noch möglichen Herdeindämmung entscheidend.

Wut, eitle Rechthabereien, Schuldzuweisungen und schnelle Forderungen sind nicht zielführend. Daniel Koch vom BAG und der Bundesrat machen ihren Job mit den gegebenen Mitteln gut. Die Wirksamkeit der schweizerischen Massnahmen werden voraussichtlich in zwei Wochen sichtbar. Ich bin zuversichtlich, dass wir weniger als 100'000 Infektionen in der Schweiz haben werden. Das ist zwar eine Katastrophe, aber das Schlimmste konnte dann verhindert werden. Auf die nächste Pandemie werden wir bestimmt besser vorbereitet sein.

Bliib xund!

André

Lieber Andre, liebe Freunde,
Für meinen Zornesausbruch möchte ich mich entschuldigen. Wut bringt nix. Und ich will auch nicht recht haben. Ich würde es nie wagen, jetzt die aktuelle Arbeit des BAG, der Ärzte und des Medizinpersonal an der Front zu kritisieren. Im Gegenteil: Nach meiner laienhaften, subjektiven Meinung macht Ihr alle einen ganz schwierigen und ganz tollen Job. Auch der Bundesrat tritt kompetent und überzeugend auf.
Aber diese Krise zeigt brutal auf, dass irgendetwas in unserem Sicherheitsdispositiv für die Bevölkerung total schief gelaufen ist. Wenn wir analysieren, WAS schief gelaufen ist und WER Fehlentscheidungen getroffen hat, können wir vielleicht lernen, auf kommende Krisen besser zu reagieren.
Meine brennende Frage an Euch alle:
Wie konnte es soweit kommen in einem der reichsten Länder der Welt und unserem exzellenten Gesundheitssystem?

Lieber Urs,
Ja Du hast Recht, dass die Pandemie-Strategie grundlegend überdacht werden muss. Und ja Du hast Recht, es ist so schwierig Wut und Hilflosigkeit auszuhalten. Als Arzt musste ich das lernen, und es entspricht auch heute noch, nach 40 Jahren, gar  nicht meinem Naturell, Salut Copain!
Lagebericht heute: Das Institut medizinische Virologie UZH konnte durch Inbetriebnahme einer neuen Roche-Maschine die Testkapazität für Corona (SRS-CoV-2 PCR) massiv aufstocken. Am Wochenende konnten alle ausstehenden Testproben verarbeitet und mitgeteilt werden. Heute Morgen hatte ich an der Hotline nur noch wenige Resultat-Nachfragen. Es war ruhig. Auch die Teststrategie in den Spitälern wurde geändert. Heute Morgen waren nur 200 SARS-CoV-2-Test eingeschickt worden. Es werden nur noch die Tests gemacht, welche praktische und unmittelbare medizinische Konsequenzen haben: Muss der Patient in Quarantäne bleiben, kann er ein Bett frei machen und weniger isoliert, weniger aufwändig betreut werden, etc.
Pandemie: Diese Woche und vermutlich noch bis Mitte nächster Woche werden die Fallzahlen unvermindert exponentiell weiter ansteigen und sich alle 3-4 Tage verdoppeln. Danach werden die Auswirkungen der Massnahmen und Verhaltensänderungen sichtbar. Seit einigen Tagen steckt eine infizierte Person vermutlich (begründete Hoffnung ist angebracht) deutlich weniger als 1 weitere Person an. Zwei bis drei Wochen nach Infektion sind geheilte infizierte Personen nicht mehr ansteckend. Die Zahl der Neuinfektionen wird möglicherweise im Mai so gering sein, dass wir dann auf eine Containment-Strategie der Isolierung und Eindämmung umschalten können. Dann müssen nicht nur durch Bluttests immune Personen erfasst werden, sondern möglichst lückenlos alle Neuinfektionen durch Mund-Rachen-Abstriche. Dann macht auch das Kontakt-Tracing wieder einen grossen Sinn. Eigentlich immer noch ziemlich rigorose, entschlossene Massnahmen werden anhaltend einige Monate und vielleicht noch viel länger notwendig sein. Das SARS-CoV2 wird vor allem durch Impfungen vielleicht einmal ganz ausgerottet werden können.
Kleiner Exkurs: Die Allokation von Mitteln ist im Gesundheitswesen chronisch prekär: Alle wollen immer etwas und noch mehr für ihren Bereich. Ich habe mich vor einigen Jahren sehr über Herrn Daniel Koch vom BAG geärgert, weil er sich gegen die Ausrottungsstrategie der Hepatitis C quer gestellt hat. Die Behandlung der chronischen C-Hepatitis ist sehr effizient aber auch sehr teuer. Für 4-5 Milliarden Franken wäre es mit den damals neuen Medikamenten möglich gewesen, HCV in der Schweiz zu eliminieren. In der Zwischenzeit hat HCV die Schweiz sicher schon 2-3 Milliarden Franken gekostet; die 4-5 Milliardenkosten werden bald einmal erreicht, ohne dass wir HCV eliminiert haben. Meine Wut ist schon noch da; es waren meine Patienten betroffen. . HCV fordert in der Schweiz mittlerweile mehr Tote als HIV! Die Schweiz ist Teil der Hepatitis-C-Pandemie. Die weltweite Verbreitung von HCV könnte gestoppt werden. Die Kosten-Nutzen-Rechnung ist positiv zugunsten des Nutzens. Wer bekommt wieviel Geld und andere Mittel für seinen Bereich der Medizin? Warum sollen ausgerechnet die Epidemiologen zu kurz gekommen sein?
Jedes Virus ist anders: SARS-CoV, Mers-CoV und das halbe Duzend anderer Coronaviren, welche den Menschen bekanntermassen befallen, haben unterschiedliche Eigenschaften in der Verbreitung, der Erzeugung von Krankheitssymptomen und bezüglich Todesfällen. Das Testen erfolgt mit heutiger Technik bei einem neu auftretenden Virus mittels der PCR-Technik. PCR weist charakteristische Genpartikel des Virus nach. Die ganze PCR-Test-Maschinerie kann sehr schnell (Tage, wenige Wochen) auf einen neu entdeckten Virus angepasst werden. Serologische Methoden kommen später zum Einsatz und brauchen zur Entwicklung länger. Serologische Methoden weisen Virusbestandteile oder bei einem geheilten Patienten Antikörper gegen das Virus nach. Serologische Methoden sind für einen Schnelltest geeignet. Ein solcher Schnelltest auf SARS-CoV-2 wird vermutlich im Mai Millionenfach produziert werden. Das Kontakt-Tracing und die Abschätzung der Durchseuchung einer Bevölkerung wird dadurch leichter.
Pandemieplan: Ein besserer Pandemieplan hätte es möglich gemacht, die SARS-CoV2-Epidemie in der Schweiz frühzeitig einzugrenzen (Containment). China, Taiwan und Korea scheint dieses Kunststück geglückt zu sein. Mit rechtzeitigen Massnahmen und genügend Mitteln haben sie es anscheinend geschafft, jeden Infizierten und seine Kontakte zu erfassen und unter Quarantäne zu halten. In dieser frühen Phase ist es richtig: Testen, Testen, Testen. Jetzt müssen wir die beschränkten Testkapazitäten auf die klinische Entscheidungsfindung beschränken. Wenn die Zahl der Neuinfizierten abnimmt, werden wir endlich in die Lage kommen, jeden neuen Fall zu erfassen. Dann müssen wir wieder versuchen, alle Infizierten mit Tests zu erfassen, lückenlos. Ein Pandemieplan muss als Stabsübung vorbereitet und durchgespielt werden. Jedem Beteiligten muss seine Rolle schon lange vor Ausbruch der Pandemie klar sein. Die Mängel dieses Pandemiejahres 2020 müssen analysiert werden. Ich bin sicher dass dieses Vorhaben jetzt genügend Mittel erhält. Herr Koch hat Recht, man kann nur das realistisch fordern, was man zu einem gegebenen Zeitpunkt auch erreichen kann.

Lieber André,
wenn ich Dich richtig verstanden habe: Die Knappheit der Test-Reagenzien ist also nicht ein weiteres Beispiel für die verschlampte Pandemieplanung in der Schweiz?

ASe: Jein. Mir gefällt der Vorwurf nicht, dass geschlampt worden sei. Niemand hätte vor dem Jahr 2020 in Europa und in der Schweiz die Mittel für einen guten Pandemieplan bewilligt: Duzende von Millionen für Testmaterial, Gesichtsmassen und solche Dinge.
Ein guter Pandemie-Plan hätte die Schwierigkeiten allerdings genügend antizipieren können. Eigentlich kann man wissen, was in den ersten Wochen einer Virus-Pandemie für ein erfolgreiches Containment nötig ist. Genügend Testkapazitäten mit der dazugehörenden gutfunktionierende Infrastruktur und Netzwerken sind dann sicher vordringlich. Was muss in den ersten Tagen und Wochen für eine erfolgreiche Strategie der Einzelfallverfolgung (Kontakt-Tracing), Eingrenzung (Containment) und Quarantäne vorhanden sein? Damit man das weiss muss man die Strukturen und Netzwerke und die Bedürfnisse auf allen Ebenen im einzelnen anschauen vorausschauend und planmässig.
Zu Beginn einer Pandemie sehen die Hausärzte am meisten und die ersten Fälle. In den Hausarztpraxen müssen Pflichtvorräte an geeigneten Röhrchen und Tupfern, Handschuhen und Masken gehalten werden. Zu wesentlich grösseren Pflichtlagern müssen die zuliefernden Medizinalgrossisten und die (privaten) Laboratorien verpflichtet werden. Die Hausärzte müssen ihre über die gewohnten Kanäle ihre Pandemie-Materialien bestellen und erhalten können. Abgesehen von Lieferengpässen, haben diese Kanäle eigentlich gut funktioniert.
Verzögerungen ergaben sich bei der Übermittlung. Auch Hausärzte konnten sich direkt in unserem Institut registrieren und erhielten die Resultate elektronisch, zusätzlich zum gewohnten Weg über ihr privates Labor. Die Erfassung und Übermittlung lief auf allen Ebenen vom Hausarzt über Privatlabor und Universitätslabor zu kantonaler und eidgenössischer Meldestelle nicht reibungslos. Der elektronische Datenaustausch muss wesentlich besser vorbereitet werden. Die gesicherte schnelle Kommunikation kann aber dem einzelnen Hausarzt und allen Beteiligten nicht einfach als neue Last aufgebürdet werden. Diese Meldekette muss für alle Beteiligten einfach und schnell funktionieren. Es darf nicht ein Tool sein, wie bei den Impfungen, wo der Arzt eine Viertelstunde braucht, um eine einzelne Impfung einzutippen. Der Arzt kann den Vorgang zudem aus Gründen der Datensicherheit nicht einfach einer MPA delegieren. Das Patientendossier wird in der Schweiz von oben dekretiert aber gleichzeitig werden die notwendigen Investitionen nicht abgegolten und die Datenstandards wurden nicht auf allen Ebenen funktionsgerecht entwickelt. Das funktioniert schon im Normalbetrieb schlecht

Lieber Andre, noch eine Nachfrage nach der Lektüre des TA von heute über die Testerei: Hast Du eine Ahnung, WARUM die Schweiz keine Reserven der für die Tests benötigten Reagenzien hat? Einer für eine wirkungsvolle Bekämpfung so wichtige Waffe?

Lieber Urs, soeben schickt meine Chefin eine Info für die Mitarbeiter. Sie kommentiert die Tests, welche in der Tagespresse diskutiert werden (Aguzzi, etc.). Prof. Aguzzi hat einen interessanten Antikörper für die Serologie gefunden. (Wir bieten Antikörpertests seit 2 Wochen in einer Testphase an.

Lieber Herr Dr. Seidenberg
Nach Infektion mit dem neuen Coronavirus soll eine Immunität entstehen. Wie stark muss die Exposition dazu aber sein? Reichen schon 2-3 Viren oder müssen es hunderte oder tausende sein?
Liebe Grüsse und bleiben Sie gesund!
Daniel L

Lieber Herr L.
Wie viele Coronaviren ausreichen, um eine Infektion und massenhafte Vermehrung im angesteckten Menschen auszulösen, weiss ich nicht. Schon ein mikroskopisch kleines Tröpfchen Schleimsekret kann eine Infektion auslösen, wenn es auf empfängliches Gewebe stösst. Nicht alle Zellen können das Virus aufnehmen. SARS-CoV-2-Corona-Viren benutzen einen bestimmten Rezeptor, ein gut bekanntes Oberflächenmolekül um in die Zelle aufgenommen zu werden. Dort kapert das Virus den zellulären Reproduktionsapparat und produziert unglaublich grosse Kopien seiner selbst. Das Virus breitet sich im Körper exponentiell wachsend immer schneller aus. Der Exponent dieser Wachstumskurve ist hoch. Die Zahl der Viren sinkt erst wieder, wenn der betroffene Mensch gegen das Virus wirksame Antikörper produziert. Die Heftigkeit der Krankheit muss nicht mit der Zahl der die Infektion auslösenden Erregern korreliert sein.
Bliibäzi xund!
André Seidenberg

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