Allgemeine Fragen: Tests Pandemie

Antikörper, Serologie, Schnelltests, Sensitivität, Spezifität, Tests, Schnelltests, Falsche Testresultate, Epidemie, Tracking, Tracing, Plasmapherese, Rekonvaleszenten-Serum. Was ist ein Covid-19-Todesfall? Impfstoff gegen SARS-CoV-2? Warum erst in eineinhalb Jahren eine Covid-19-Imfung?

Wahrscheinlich erst ein guter Impfstoff kann die Covid-19-Pandemie definitiv stoppen. Impfungen oder vorangegangene Infektionen können einen mehr oder weniger Jahre dauernden Schutz vor Ansteckungen hinterlassen. Wenn nur noch sehr wenige Menschen keinen solchen Schutz haben, finden die SARS-CoV-2 Coronaviren keine neuen Opfer mehr.

Die Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 dauert möglicherweise noch mehr als eineinhalb Jahre. Die vier grossen, den Impfstoffmarkt zu 80% abdeckenden Firmen versprechen erst auf Ende 2021 einen Covid-19-Impfstoff. Viele kleine Firmen und Start-Ups versprechen raschere Entwicklungen.

Warum?

Diese kleinen Firmen gehen meist wenig erprobte Wege. Die Chancen, dass beispielsweise ausgerechnet eine kleine Schweizer Firma mit einem Impfstoff auf der Basis von Gurkenviren einen erfolgreichen Impfstoff entwickeln kann, ist intakt aber eher klein. Aus der Vielzahl der aktuellen Entwicklungen könnte allerdings überraschend der eine oder andere Impfstoff den Weg zu einer Massenproduktion schneller finden als die konventionelleren extrem aufwendigen aber bisher gut erprobten Impfstoffdesigns. Aber auch die vier grossen Impfstoffhersteller, welche konventionellere Konzepte verfolgen, können nicht sicher sein, in eineinhalb Jahren einen gegen die aktuelle oder gar auch zukünftig denkbare Corona-Pandemien hoch wirksamen und erst noch sicheren Impfstoff entwickeln zu können.

Ein Impfstoff muss eine möglichst gut gegen die Krankheit schützende Immunantwort auslösen. Die für diagnostische Tests geeigneten Antikörper sind nicht die am stärksten schützenden Antikörper. Zuerst muss der wirksamste Antikörper gefunden werden. Der wirksamste Antikörper bindet auf der Virusoberfläche an Epitope (Antigenbereiche), welche für die Vermehrung des Virus notwendig sind. Meist behindern sie den Virus, in die Wirtszelle einzudringen. SARS-CoV-1 und SARS-CoV2 Coronaviren benutzen dafür den sogenannten ACE-2-Rezeptor, der beim Menschen für die Blutdruckregulierung wichtig ist.

Die am besten gegen Covid-19 wirksamen Antikörper werden an Epitopen im Bereich der Spikes bzw. ACE2-Rezeptoren von SARS-CoV-2-Viren vermutet. Vermutet, da wir nicht wissen, wie stark und wie dauerhaft sie provoziert werden können und wie wirksam sie in der Anwendung gegen Covid-19 letztlich sind. MERS-CoV, das andere sehr gefährliche Corona-Virus hat 2012 einen anderen Rezeptor und damit Weg in den menschlichen Körper gefunden. Die Entwicklung eines breit und stark gegen alle Coronaviren wirkenden Impfstoffs, der möglicherweise auch eine zukünftige Pandemie mit neuen Mutanten von Coronaviren verhindern könnte ist unsicher.

Ein Impfstoff muss Teil einer der Zelloberfläche ähnlichen Lipidmembran sein. Dort kann er die Immunantwort auslösen und die Produktion spezifischer Antikörper anregen. Antigene können dem menschlichen Körper in Impfstoffen auf verschiedene Weise angeboten werden:

  • Attenuierte Lebendimpfstoffe: Sind gezüchtete, ihrer krankmachenden Eigenschaften beraubte, vermehrungsfähige Virenstämme. Dieses Konzept ist von der Polio-Schluckimpfung bekannt. Die Entwicklung und Sicherheitsprüfung ist sehr langwierig.
  • Totimpfstoffe: Der seiner Vermehrungsfähigkeit beraubte Impfstoff wird dem Körper als Ganzes oder als Teil des Virus durch Injektion präsentiert. Totimpfstoffe werden im Körper rasch abgebaut und müssen darum meist mehrfach nachgespritzt werden.
  • Synthetische Impfstoffe: dem Körper wird ein synthetisches Eiweiss präsentiert, welches dem Antikörper-stimulierenden Epitop gleicht. Die Entwicklung ist aufwändig und langwierig.
  • Rekombinante Impfstoffe: Die antigenen Teile des Virus’ oder ihr Erbgut wird in andere Viren oder Bakterien verpackt und/oder dort zur Vermehrung gebracht. Die Viren und Bakterien bringen als Vektoren den Impfstoff in die Zellen, bzw. in die Zelloberfläche.
  • Untereinheitenimpfstoffe sind durch Reinigung von Virusbestandteilen oder durch Rekombination und teilweise Synthese hergestellte Antigene. Die immunogene Wirkung ist meist mässig und Injektionen müssen mehrfach wiederholt werden. Beliebte Vektoren sind Adenoviren, weil viele Adenoviren im Menschen keine Krankheiten erregen. Wir alle haben in unserem Leben schon vielfach mit den Erkältungskrankheiten auslösenden Adenoviren Bekanntschaft gemacht und darum Antikörper gegen viele Adenoviren entwickelt. Diese Antikörper können eine unerwünschte Immunantwort auslösen und verhindern, dass wir den gewünschten Antikörper gegen SARS-CoV-2 produzieren.
  • DNA oder RNA, welche immunogene Eiweisse der zu bekämpfenden Viren codieren, können als Impfstoffe gespritzt werden. Diese Impfstoffe sind verhältnismässig einfach zu entwickeln und herzustellen. In Mäusen sind sie gegen verschiedene Krankheitserreger schon oft als gut wirksam getestet worden. Aber im Menschen sind solche Impfstoffe bisher noch nicht genügend wirksam gewesen und bisher noch nie zugelassen worden.

Der Nachweis von spezifischen Antikörpern beweist eine Infektion mit SARS-CoV-2.

Wie viele Menschen haben sich mit dem neuen Corona-Virus angesteckt? Individuelle serologische Covid-19-Tests haben aktuell nur ausnahmsweise eine klinisch bedeutsame Aussagekraft. Der serologische Nachweis von Antikörpern ist dagegen epidemiologisch wichtig.

Es werden zurzeit kommerzielle serologische Tests von zweifelhafter Qualität angeboten. Oft werden sie als Schnelltests angepriesen. Ihr Einsatz ist fragwürdig. Es ist nicht klar, wie sicher sie nur auf SARS-CoV-2 positiv reagieren, also die Spezifität. Noch weniger klar kennen wir die Test-Sensitivität: wie oft verpassen diese Schnelltests eine Infektion? 

Wer mehr wissen will liest hier weiter:
Mit Hochdruck werden Antikörpertests an vielen Instituten entwickelt. Ein guter Test ist spezifisch für zwei oder besser drei Stellen auf der Oberfläche des Virus: Die medizinische Virologie testet zwei Epitope der SARS-CoV-Spikes und ein Epitop des Nukleoproteins.  Die Spezifität der Antikörper ist sicher gut. Kreuzreaktionen mit andere Corona-Viren gibt es keine. Die Sensitivität ist noch nicht klar aber verglichen mit anderen Testmethoden gut.

Nach sieben Tagen erscheinen die ersten gegen SARS-CoV-2 spezifischen IgM-Antikörper, nach 10 Tagen IgG. Wir wissen aber noch nicht, wie viele Menschen nach zwei, drei oder noch mehr Wochen erst nachweislich Antikörper bilden. Wir wissen auch nicht, wie viele Menschen gar keine Antikörper bilden. Die Antikörper-Bildung scheint beim Heilungsverlauf von Covid-19 eine wichtige Rolle zu spielen. Wie oft eine Heilung oder Resistenz gegen eine SARS-CoV-2-Infektion ohne Antikörperbildung möglich ist, wissen wir nicht. Wie gut und wie lange Antikörper vor einer SARS-CoV-2-Infektion schützen, wissen wir auch nicht. Wie gut Antikörper neutralisierend wirken, wissen wir noch nicht.

Trotz dieser aktuellen Unsicherheit, wären repräsentative Zahlen zur Häufigkeit von Antikörpern in der allgemeinen Bevölkerung wichtig.

 

Wieso gibt es falsche Resultate?
Wieso zeigt der Corona-Test nicht bei allen Infizierten, dass sie angesteckt sind (Sensitivität)?
Wieso können Tests positiv sein, obwohl tatsächlich keine SARS-CoV-2-Corona-Viren vorhanden sind (Spezifität)?

1. Die bisher fast ausschliesslich verwendeten Tests mit der PCR-Methode aus Abstrich-Material sind sehr sensitiv, also sehr empfindlich, und PCR-Tests sind hochspezifisch.

  • Spezifität:
    Kreuzreaktionen mit anderen (Corona-)Viren sind bei guten PCR-Tests nicht zu erwarten (Spezifität).
    Wenn bei einem akut an Covid-19 erkrankten Menschen entnommenes Material SARS-CoV-2-Viren enthält, werden diese Viren im Test praktisch immer entdeckt; der PCR hat eine hohe Sensitivität.
    Der PCR kann irreführenderweise negativ sein, wenn das geprüfte Material keine oder zu wenige Viren enthält. Dafür gibt es drei wesentliche Gründe und einen seltenen weiteren Grund:
    a. Das Material wurde am falschen Ort entnommen oder es wurde zögerlich und zu wenig Material gewonnen. [Die höchste Sensitivität, meisten Viren gewinnt man durch kombinierte Abstriche durch die Nase tief bis in den Rachenraum (nasopharyngeal) und zusätzlich durch den Mund im Rachen (oropharyngeal). Beide Abstrichstäbchen können und sollen in ein einziges Transport-Röhrchen  gesteckt werden.]
    b. Zu Beginn der Infektion kann es sein, dass der Körper noch keine oder für den Nachweis zu wenig Viren ausscheidet.
    c. Nach dem Höhepunkt der Covid-19-Krankheit werden keine oder für den Nachweis zu wenig Viren ausgeschieden.
    d Selten gibt es noch einen weiteren Grund: Hospitalisierte Patienten mit einem schweren Verlauf zeigen manchmal im Nasenrachenabstrich keine Viren obwohl sie alle Kriterien einer Covid-19-Krankheit zeigen. Die Ursache dieser seltenen Konstellation ist noch unklar.
  •  Der PCR ist sehr spezifisch. Kreuzreaktionen zum Beispiel mit anderen Coronaviren sind bei einem guten PCR-Test praktisch ausgeschlossen. Falsch positive PCR, Tests die irrtümlich eine SARS-CoV-2-Infektion anzeigen, gibt es nahezu nie.

2. Serologie (Antikörper-Suchtests): Die Sensitivität und Spezifität der Antikörpersuchtests ist zur Zeit unklar. Sicher ist, dass die Zuverlässigkeit der vorhandenen Tests sehr unterschiedlich ist. Alle Tests sind in einer Versuchsphase. Die Resultate müssen sehr vorsichtig interpretiert werden. Ein falsches Resultat kann zu unvorsichtigen Handlungen führen. Kommerzielle Interessen von Herstellern und Labors könnten der Volksgesundheit schaden.

1. PCR-Test aus Abstrichmaterial
2a. Antikörpernachweis im Blutserum
2b. Antigennachweis im Blutserum

PCR: Bisher wurden in der Corona-Pandemie fast ausschliesslich PCR-Tests aus Abstrichmaterial gemacht. Oberflächlicher Schleim wird mit einem Stäbchen aus Nase, Mund, Rachen oder Bronchien und in einem Röhrchen mit einer Konservierungslösung eingeschickt. Aus dem Schleim wird das Genmaterial der Viren gereinigt. Das Genmaterial wird dann gezielt analysiert und wenn SARS-CoV-2 Coronaviren vorhanden sind, ist der Test positiv. Das beweist eine akute Infektion, die Ansteckung und die Anstecklichkeit der betroffenen Person.

Vorteile:
- Abstrich: es ist keine Blutentnahme nötig. PCR-Tests können aus jedem unkonservierten frischen Körpermaterial gemacht werden.
- PCR-Test können sehr schnell entwickelt und eingesetzt werden. Wenn ein neuer Virus epidemisch ausbricht, können Tests aus Abstrichmaterial in der Frühphase der Epidemie / Pandemie, schon nach Tagen, zur Verfügung stehen. PCR-Tests sind sehr spezifisch und sensitiv: bei Covid-19-Erkrankungen sind Tests praktisch nie fälschlicherweise positiv und fast nie fälschlicherweise negativ. Die Proben für den Corona-Test müssen allerdings sorgfältig durch die Nase und den Mund aus der Tiefe des Rachens abestrichen werden.

Nachteile:
PCR-Tests sind aufwändig, teuer und dauern in der Durchführung einige Stunden. PCR-Tests zeigen nicht, ob jemand symptomlos eine Corona-Infektion durchmacht oder durchgemacht hat. Ein PCR kostet CHF 180.--

Serologie: Serum ist der Zell-freie Teil des Blutes. Im Serum können
1. Bestandteile des Virus' (Antigentest, Antigen=AG) und
2. spezifische Antikörper (Antikörpertest, Antikörper=AK) gegen das Virus gefunden werden. Antikörpertests sind in der klinischen Testphase, können mit EDTA-Blut von Spitalärzten eingesandt werden und kosten 86.- CHF. Die Entwicklung von Antigentests für SARS-CoV-2 ist noch ungewiss. Antigentests werden noch eine Weile nicht zur Verfügung stehen.

Vorteile der serologischen Tests:
- Serologische Tests sind in der Handhabung weniger aufwändig als PCR, billiger und schneller. Serologische Tests können zu einem Schnelltest entwickelt werden. Im Idealfall kann ein Schnelltest auf einen Teststreifen gepackt und von jedem Laien durchgeführt werden. Ein Bluttropfen genügt und das Resultat kann nach einigen Minuten abgelesen werden. Im Idealfall können Schnelltests sowohl Virus-Antigene als auch Virus-Antikörper erfassen.
- Der Nachweis von Coronavirus-Antigen im Blutserum (Antigen) beweist eine Infektion, bevor der Körper des Patienten Antikörper entwickeln kann. Antigen-Tests sind zur Zeit überhaupt noch nicht entwickelt oder gar einsatzbereit.
- Ein guter Antikörper-Test zeigt ob jemand mit dem Virus in Kontakt gekommen ist, auch wenn der Betroffene keine Symptome entwickelt hat. Das Vorhandensein von Antikörpern zeigt die Immunität eines Menschen.

Nachteile:
- Die Entwicklung von serologischen Tests dauert einige Wochen, die Entwicklung von Schnelltests einige Monate.
- Im Epidemie- / Pandemiefall können serologische Tests in der ersten Welle der Ausbreitung nicht eingesetzt werden.
- Die Sensitivität und Spezifität von serologischen Tests kann erst in der Praxis und im Laufe der Zeit genau beurteilt werden.
- Ein Antigen-Test kann vermutlich eine Infektion erst einige Tage später als der PCR nachweisen. Die Entwicklung eines Antigentests ist langwierig. Im Pandemiefall können sie, wenn überhaupt, erst spät zum Einsatz kommen.
- Der Antikörper-Test wird erst zwei bis drei Wochen nach Infektion positiv.
- Schnelltests sind für die Eingrenzung von Infektionsherden (Containment vgl. nächster Artikel) nicht das Testmittel der Wahl; sie sind nur schneller und einfacher in der Durchführung.

Fazit: Im Fall einer Epidemie / Pandemie (vgl. nächster Artikel) müssen in der ersten Phase so schnell wie möglich und so viel wie möglich PCR-Abstriche eingesetzt / durchgeführt werden. Während der zweiten Phase, auf dem Höhepunkt und in der dritten Phase der Epidemie / Pandemie stehen serologische Schnelltests zur Verfügung. Wie wirksam Schnelltests bei der Containment-Strategie sind, wird sich erst noch weisen müssen. Werden Antigentests sieben oder erst zehn Tage nach Infektion positiv? Wie schnell stehen auch gute Antigentests zur Verfügung?

Eine Epidemie ist eine Seuche. Epidemie bedeutet die Ausbreitung einer Krankheit oder eines Krankheitserregers über ein Gebiet oder in (einem Teil) einer Bevölkerung. Von einer Pandemie spricht man, wenn sich eine Epidemie weltweit ausbreitet. Beispielsweise breitete sich HIV/Aids oder Hepatitis C pandemisch aus und Grippeviren (Influenza) verursachen jährlich eine mehr oder weniger gefährliche Pandemie.

Eine Epidemie und auch eine weltweite Pandemie verläuft zeitlich glockenförmig. Zuerst sind es wenige, einzelne und unbemerkte Fälle. Jeder Infizierte steckt je nach Virus durchschnittlich mehr als eine (oder im günstigen Fall weniger als eine) weitere Person an.  Die Epidemie / Pandemie breitet sich in der ersten Phase immer mit einem exponentiellen Anstieg der Fallzahlen aus. Bei der aktuellen Corona-Pandemie verdoppelte sich die Zahl der Infizierten etwa alle drei bis vier Tage. Heute (26.3.20) erscheint dieser Verdoppelungstrend schon deutlich verlangsamt worden zu sein. Möglicherweise sind Verhaltensänderungen der Menschen wirksam geworden. Wenn in einer Bevölkerung viele Menschen schon infiziert sind, sinkt die Zahl der Neuansteckungen natürlich auch. Wer immun ist durch vorangegangene Infektion oder durch Impfung, steckt sich nicht mehr an.

In der Frühphase einer Epidemie / Pandemie können Infektionsherde eingegrenzt (Containment) und isoliert (Quarantäne) werden. In der Frühphase der Epidemie / Pandemie ist es darum entscheidend so viele möglicherweise angesteckte Personen wie möglich zu testen: Testen, Testen, Testen. Alle möglicherweise angesteckten Kontaktpersonen müssen gefunden (Kontakttracing), getestet und in Quarantäne gebracht werden.

Zweite Phase: Wir sind heute (26.3.20) nicht mehr in der Frühphase der Epidemie / Pandemie. Wir nähern uns dem Höhepunkt der glockenförmigen Kurve. Die Kurve der Zahl der Todesfälle hinkt bei der Covid-19-Pandemie wenige Tage nach. Die Testkapazitäten sind in der Schweiz fast verfünfacht worden. Trotzdem macht es jetzt keinen Sinn mehr, Einzelfällen hinterherzurennen und Kontakt-Tracing zu machen. Jetzt brauchen wir die Testkapazitäten für klinische Entscheidungen. Ist der Patient mit Husten wirklich ein Corona-Patient oder blockiert er nur ein Spitalbett im Notfall oder gar auf der Intensivstation. Bei allen Entscheidungen im Spital kann es notwendig sein, zu wissen, ob ein Patient mit SARS-CoV-2 infiziert ist oder nicht.

Dritte Phase: Eine Verlangsamung oder Rückgang und Stopp der Ausbreitung wird durch Verhaltensänderung oder durch Immunität der Menschen erreicht. Die wärmeren Temperaturen im Frühjahr scheinen auf die Ausbreitung der Coronaviren keinen Einfluss zu haben. Je weniger Fälle von Neuinfektionen auftreten, desto wichtiger wird wieder ihre Entdeckung und das Kontakt-Tracing. Erneut ist ein rigoroses Containment notwendig. Ein gefährlicher Erreger wie Sars-CoV-2 muss solange verfolgt werden, bis seine letzten Infektionsherde eliminiert worden sind. Quarantäne-Massnahmen könnten also auch in den nächsten Monaten mehr oder weniger punktuell oder ausgedehnt nötig sein. Im Mai könnte ein serologischer Schnelltest verfügbar werden. Er zeigt einigermassen kostengünstig, ob jemand infiziert war und immun ist.

Immunität: Je mehr Menschen Antikörper gegen das Corona-Virus haben, desto weniger neue Wirte kann der Erreger finden. Wie gesagt, kann ein Mensch im Heilverlauf einer Erkrankung oder durch Impfung Antikörper bilden und Immunität (Abwehrkraft) erwerben. Eine routinemässige Impfung gegen Corona-Viren ist vor Herbst 2020 nicht zu erwarten.

Tracking und Tracing bedeutet das Verfolgen einer Spur. Dieser Artikel skizziert Grundlagen zur Frage: Wie wollen die Behörden die weiterfahren, wenn weniger rigorose Kontrollmassnahmen notwendig werden.
  1. Die Benutzer von Mobil-Telefonen hinterlassen eine Datenspur, welche in Realtime oder im Nachhinein verfolgt werden kann. Das Verfolgen von Datenspuren wird Tracking genannt. Die anonymisierte Auswertung von Kontaktdaten kann den Behörden und der Forschung aus grossen Datenmengen gute Hinweise auf mögliche Risikoherde für Virus-Infektionen und potentielle Ansteckungsketten geben.
    Auch Userdaten von Suchmaschinen oder Gesundheits-Apps können aus grossen Datenmengen Karten von Infektionshäufigkeiten mit mehr oder weniger guter Vorhersagekraft für Infektionsherde zeichnen.
    Internet-basierte Umfragen ermöglichen in ähnlicher Weise, die Ausbreitung von Covid-19 fast in Realtime zu erfassen. Ein solches Tool wurde in Israel schon etwas erprobt und wird jetzt von den Berner Gesundheitsbehörden auch in der Schweiz propagiert (Covid-Tracker).
  2. Die nicht-anonymisierte Auswertung von Kontaktdaten wurde zur Terrorismusbekämpfung und zur Unterdrückung von Teilen der Bevölkerung in China und in Israel entwickelt und erprobt. Dieses Tracking von Mobiltelephonen erlaubt die Überwachung von Personen und ihrer Nähe zu anderen Menschen, in Echt-Zeit oder im Nachhinein. Diese Technik wird für das Containment von Corona-Infektionsherden benutzt.  Der Einsatz von nicht-anonymisiertem Tracking wird auch hierzulande diskutiert. Der Nutzen ist nicht bewiesen und unklar. Nicht-anonymisiertes Corona-Tracking ist in der Schweiz und in der EU illegal.

Das Verfolgen von Infektionsketten nennen Epidemiologen Kontakt-Tracing. Wenn in einer gefährlichen Epidemie verhältnismässig wenige Menschen mit einem Krankheitserreger infiziert sind, wenn viele Menschen sich mit einem gefährlichen Virus oder einem Bakterium anstecken könnten, müssen möglichst alle Infektionsherde eingegrenzt werden (Containment). Die Kontaktpersonen jedes Infizierten müssen gefunden und getestet werden. Sobald verfügbar, werden dabei nicht nur Abstriche mittels PCR getestet, sondern auch Blutserum, um Antikörper und Immunität gegen Coronaviren zu entdecken. Antigen-Tests wären für das Kontakt-Tracing wichtig, aber müssen noch entwickelt werden.

Kontakt-Tracing kann nicht anonymisiert erfolgen. Es handelt sich um eine gesundheitspolizeiliche Massnahme. Die Kompetenz für die Durchführung liegt bei den kantonalen Behörden (Kantonsärzte).

Wie wollen die Behörden das Kontakt-Tracing durchführen?

Diese Frage muss diskutiert werden, denn sie zielt darauf, wie wir uns in unserer Gesellschaft bewegen werden und uns noch begegnen können. (beachten Sie dazu den Diskussions-Beitrag Ende der Quarantäne???

Lieber André, darf ich fragen
Was ist anders als bei einer der jährlichen Grippe-Pandemien?

Lieber Däni,
Geht es Dir gut? Was tut sich in Kolumbien? Halten die Leute die nötige Distanz?
Gerne zu Deiner Frage:

Eine normale Grippe-Welle erfasst vielleicht 10 Prozent der Bevölkerung. Von diesen 10 Prozent stirbt jeder Tausendste an Influenza. Vielleicht darf man sagen, dass Grippe eine der Todesursachen ist, an welchen alte Menschen halt irgendwann sterben. Warum stecken sich nicht jedes Jahr mehr als 10 Prozent der Menschen an. Die meisten Menschen haben eine Teilimmunität gegen das jährlich neue Grippevirus, weil sie geimpft sind oder weil ihr Immunsystem ähnliche Virenstämme aus früheren Jahren schon kennt.

Gegen das Corona-Virus SARS-CoV-2 besteht keine Teilimmunität. Die vier bekannten, harmlosen Erkältungsviren aus der Gruppe der Coronaviren erzeugen keine Immunität zum Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung. Die Vorhandenen Pandemie-Daten zeigen, dass ohne Kontrollmassnahmen deutlich mehr als ein Viertel der Menschen sich infiziert. Mindestens ein Prozent der Infizierten stirbt an Covid-19, bei Menschen in unserem Alter über 65 sind es deutlich mehr.

Was wäre geschehen, wenn die Schweiz keine Kontrollmassnahmen ergriffen hätte: Lass uns mit zurückhaltenden Annahmen rechnen.

Bevölkerung Schweiz 8 500 000
Covid-19 Infizierte 2 125 000
Todesfälle Covid-19 21 250
Todesfälle Normaljahr 65 000

Nehmen wir an, von den 8.5 Mio hätten sich ein Viertel innerhalb weniger Wochen infiziert. Von diesen gut zwei Mio wären «nur» ein Prozent gestorben. Das wären ein Drittel mehr Todesfälle als in anderen Jahren. Das Gesundheitswesen wäre kollabiert; andere Krankheiten hätten nicht mehr angemessen behandelt werden können, was noch einmal einen zusätzlichen Blutzoll gefordert hätte. Das sind vorsichtige Annahmen und es hätte alles auch zwei oder dreimal schlimmer werden können.

In vielen wenig entwickelten Ländern leben nur wenig alte Menschen. Wegen der schlechten Gesundheitsversorgung haben weltweit viele Menschen ein schwaches Immunsystem. Auch für ein Land wie Kolumbien muss von einer Covid-19-Sterblichkeit von eher mehr als einem Prozent ausgegangen werden. Auch in Kolumbien wurden Massnahmen ergriffen. Wie wirksam und zweckmässig kann ich nicht beurteilen. Der Kollaps des Gesundheitswesens kann in Kolumbien das Staatswesen erneut an den Rand des Funktionierens treiben. Hoffen wir nicht. Mindestens die Hälfte der Menschheit lebt in Ländern, welche für Corona-Pandemie nicht genügend gewappnet sind. Ein halbes bis ein Prozent der Menschen weltweit könnte an Covid-19 sterben: 30 bis 100 Millionen Menschen sind leider realistisch. Das ist dieselbe Grössenordnung wie die Pandemie der spanischen Grippe 1918.

Todo claro, mi hermano?
Bliib xund

Lieber André, 
Ich habe gelesen, dass die Tests zu 47% falsch positive Resultate produzieren. Stimmt das bzw. wie steht es damit?

Die bis jetzt zur Anwendung gekommenen PCR-Tests aus Abstrichmaterial sind viel spezifischer und falsch positive Testresultate sind weniger häufig als ein Prozent. Vermutlich bezieht sich Deine Zahl auf einen schlechten experimentellen Antikörpertest im Blut. Die Sensitivität eines Tests ist meist entscheidender: Wir wollen keine falsch negativen Resultate, keine unerkannt Infizierten. Bei einem Suchtest nimmt man einen gewissen Fehler bei der Spezifität in Kauf um eine hohe Sensitivität zu erreichen: Gelegentlich ein falsch positives Testresultat ist nicht weniger schlimm als verpasste Corona-Infektionen. Der PCR-Test ist nur so sensitiv, wie er angewendet wird. Wer symptomlose Menschen mit PCR aus Abstrichmaterial auf SARS-CoV-2 testet wird nicht erkennen können, ob der betreffende Mensch noch nicht und vor allem nicht mehr Corona-Viren ausscheidet.

Bliib xund

Wurden klare Kriterien dafür festgelegt, wie eine Erkrankung bzw. ein Todesfall als dem Covid-Sars 19 Virus geschuldet in die Statistik einfliessen soll oder ist dafür nur ein positiver Test erforderlich?

Ich kann das nur für die Schweiz beurteilen. Gemäss Meldekriterien-Covid-19 muss der behandelnde Arzt den Todesfall von mittels PCR laborbestätigten COVID-19-Fällen innerhalb von 24 Stunden sowohl dem Kantonsarzt als auch dem Bundesamt für Gesundheit melden.

Zudem muss der behandelnde Arzt, der bei einem Sterbefall einen Totenschein ausfüllt, einige Tage später zuhanden des Sterberegisters eine Hauptursache und ein bis zwei Nebenursachen angeben. Der Arzt schreibt also beispielsweise Hauptursache: Pneumonie/Lungenentzündung und Nebenursachen Covid-19 und generalisierte Arteriosklerose. Aus diesem Sterberegister wird man in einem Jahr definitive Zahlen gewinnen können, welche eine Kontrolle der Meldedisziplin erlauben.



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